Unmanned Retail – nichts Neues, aber noch immer im Trend

Was ist "unmanned retail", und was bedeutet es für den Pausensektor? Tijs van Bladel schreibt über die Geschichte und Zukunft des unbemannten Verkaufs.

Boostbar_unmanned Retail

Vielleicht haben Sie auch schon eine subtile Veränderung in Ihrem Alltag bemerkt:
Im Supermarkt gibt es seit neustem einen Self-Checkout-Bereich, das Zugbillet lösen Sie einfach per App oder Sie bezahlen Ihren Kaffee direkt per Twint anstatt mühsam an der Kasse anstehen zu müssen.

Seit einigen Jahren ist  der unbemannte Handel auf dem Vormarsch – ein Servicekonzept, das in viele verschiedene Segmente vorgedrungen ist und mittlerweile fast schon zum täglichen Leben gehört. Unbemannte Dienstleistungen sind allgegenwärtig und gehören schon fast zu unsere effizienten Norm.

Doch was genau versteht man unter “unmanned Retail”? 

Zunächst einmal gibt es den unbemannten Einzelhandel in vielen verschiedenen Formen; vom klassischen Verkaufsautomaten bis hin zu den Self-Checkout-Terminals in Supermärkten und Bahnhöfen. Selbst die unbemannten Check-in-Automaten am Flughafen werden dieser Kategorie zugeordnet. Der unbemannte Einzelhandel ist hier, um unser Leben einfacher und effizienter zu machen – und er ist hier, um zu bleiben. 

Man könnte meinen, dass diese unbemannten Dienstleistungen eine relativ neue Entwicklung in der Welt des Einzelhandels ist. Weit gefehlt. Was wir aktuell beobachten, ist lediglich die zunehmende Popularität eines Services, den es schon seit Jahrzehnten gibt und der seine Wurzeln bei niemand geringerem als den alten Griechen hat.

History of the Vending machine – unmanned retail blog _ boostbar

Eine Münze fürs Weihwasser

Die allererste aufgezeichnete Form des unbemannten Einzelhandels lässt sich bis ins erste Jahrhundert nach Christus zurückverfolgen. Der griechische Ingenieur und Mathematiker Hero Alexandria schuf den Ursprung des Verkaufsautomaten – einen Mechanismus, der nach Einwurf einer Münze Weihwasser ausspuckte. Wer hätte das gedacht? (Um fair zu sein, machen wir heute dasselbe, nennen es stattdessen aber Kaffee)

Das Mittelalter hat der Entwicklung der Automaten nicht gerade gut getan. Es dauerte Jahre, bis die Zivilisation wieder einen Punkt erreichte, an dem sie es sich leisten konnte, über die Systematisierung des Einzelhandels nachzudenken. Die nächste Station in der Geschichte des unbemannten Einzelhandels geht auf das Jahr 1605 zurück, als englische Tavernen münzbetriebene Automaten aufstellten, die Tabak verkauften (die Prioritäten der Verbraucher hatten sich eindeutig verschoben).

Nach der Erfindung des Engländer Simeon Denham im Jahr 1867 ging es dann sehr schnell voran. Denham patentierte eine vollautomatische Briefmarkenausgabe. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt zu den ersten Automaten, die in öffentlichen Bereichen wie Bahnhöfen oder Poststellen aufgestellt wurden. 

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Steigende Popularität

Seitdem haben sich die Automaten im Wesentlichen nach dem gleichen Prinzip weiterentwickelt: Man wirft eine Münze in den Automaten rein und ein Produkt kommt raus. Lustigerweise dauerte es rund 140 Jahre bis zur nächsten Innovation: Mitte der 2000er Jahre löste sich das Automatenmodell endgültig davon, den Konsumenten zu zwingen mit Bargeld zu bezahlen und installierte Kreditkartenleser an den Automaten.

Währenddessen begannen größere Supermarktketten in den 90er Jahren  mit Convenience-Stores für unterwegs zu experimentieren. Die Präsenz kleinerer Läden auf Hauptstraßen, Bahnhöfen und Flughäfen wurde eingeführt — das “on the go”-Segment war geboren.

Der Übergang von Bargeld zu Debit- und Kreditkartenzahlungen hatte einen massiven Einfluss, sowohl auf unsere Konsumgewohnheiten als auch auf die Art und Weise, wie viele Unternehmen arbeiten. Einzelhandelsriesen begannen mit der Idee von unbemannten Kassenbereichen zu experimentieren, in denen die Verbraucher die Artikel selbst scannen konnten. Zwar musste dabei ein geringer Prozentsatz an Diebstählen in Kauf genommen werden, dieser Schritt steigerte dennoch die betriebliche Effizienz des Einzelhandels erheblich: Es wird weniger Personal benötigt, die Kassenfläche wird vergrößert, die Customer Journey wird beschleunigt.

Micromarkets

Die Effizienz des unbemannten Einzelhandel wurde schnell auch in anderen Segmenten wahrgenommen. Die USA machten es 2012 vor und erfanden die sogenannten “Micromarkets” – komplett unbemannten Convenience-Stores für den Arbeitsplatz. Mikromärkte ersetzen oder ergänzen die traditionelle Gastronomie mit vorverpackten, frischen Lebensmittel, Snacks sowie heißen und kalten Getränken. Innerhalb von weniger als einem Jahrzehnt wuchsen die Mikromärkte zu einem globalen Markt mit einem Wert von mehr als 2 Milliarden Euro. 

Da digitalisierte Verkaufsautomaten, Micromarkets und Self-Checkout-Bereiche in Supermärkten mittlerweile zu unserem Alltag gehören, war es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten komplett unbemannten und kassenlosen Läden erscheinen würden. Im Jahr 2018 startete Amazon Go die ersten komplett personal- und kassenlosen Läden überhaupt. Anstatt dass Mitarbeiter das Einkaufserlebnis leiten, wird der Amazon-Einkaufsprozess vollständig über die Smartphone-App überwacht und mit Kamera- und Sensortechnik verbunden. 

Die Zukunft des Handels

Was kommt als Nächstes? Werden kassenlose Supermärkte die traditionellen Supermärkte ersetzen? Werden Mikromärkte die Gemeinschaftsverpflegung komplett übernehmen? Welche anderen Formen von unbemannten Dienstleistungen werden kommen? Wird Europa anderen Regionen oder Ländern wie Japan folgen, wo selbst Sushi, Kleidung, warme Speisen, Blumen und Sake über Automaten verkauft werden? 

Eines ist sicher: Die Vorteile unbemannter Dienstleistungen eröffnen eine ganze Reihe von Möglichkeiten für mehr Effizienz und Innovation. Lassen Sie mich wissen, was Sie über dieses Thema denken auf LinkedIn!

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